Seonaid MacMahoon


Ein kleines Mädchen läuft vor Wutleise weinend über die Wiesen
zwischen den verstreut stehenden Katen. Als es den Vater sieht, der vor ihrem
Heim auf einer Bank sitzt und irgendetwas zu reparieren scheint, steigert sie
ihr Schluchzen und wirft sich in seine Arme. Der Vater hält seine Tochter und
versucht sie mit tiefem Brummen zu beruhigen. Aus ihren abgehackt hervor
gestoßenen Worten erfährt er, dass wohl irgend ein anderes Kind gemein zu ihr
gewesen sein musste. Aber was genau passiert ist, verrät das Mädchen nicht. Und
so versucht er sie trösten, in dem er für „seine kleine Prinzessin“
allerleischmeichelhafte Worte und Bemerkungen über ihre Besonderheit sowie die
Ignoranz und Dummheit der anderen Kinder findet.
Als die Mutter hinzutritt und genauer nachhakt, erntet sie von der Tochter nur
einen trotzigen Blick. „Wenn du vorlaut bist, darfst du dich nicht wundern, wenn
die anderen auch vorlaut zu dir sind. Wie man in den Wald hineinruft, so schallt
es heraus.“, belehrt die Mutter und sieht dabei ernst und auffordernd zu ihrem
Mann. Der wendet unangenehm berührt das Gesicht von ihr ab und kuschelt noch ein
wenig sein beleidigt schniefendes Töchterchen.
Abends als der Mann auf sein schlafendes Kind sieht, wandern ihm die Worte
seiner Frau durch den Kopf. Ja, es stimmte, die kleine Seonaid konnte frech wie
Dreck sein. Ein Gedanke, der ihn amüsiert und stolz grinsen lässt. Sie hat
einloses Mundwerk wie ein richtiger Junge, leider ist sie beim Einstecken ein
richtiges Mädchen. Und dass sie so ist wie sie eben ist, liegt allein an ihm. Er
hatte die Hoffnung auf Kinder aufgegeben als seine Frau endlich doch noch
schwanger wurde. Jetzt hatte er das Gefühl, all seine aufgestaute väterliche
Liebe schwappe aus ihm heraus und auf dieses kleine Wunderwerk des Lebens, das
seinen Lenden und dem Leib seiner geliebten Frau entsprungen war.
Doch irgendwann würde er mit Seonaid ein ernstes Wort reden müssen. Auch Töchter
brauchen Erziehung und er weiß, dass er sie zu sehr verhätschelt. Dann jedoch
sieht er wieder ihre braunen Augen vor sich, wie sie ihn bewundernd anblicken.
Ganz so, als wäre er der geschickteste Handwerker, der stärkste Krieger und der
größte Held Schottlands. Er spürt die Umarmung ihrer schmächtigen Armen an
seinen groben Hüften, ihre sanfte weiche Wange an seinem rauen Männerbart und
den kindlichunschuldigen Kuss ihrer kleinen zartroten Lippen auf seinem spröden
Mund. Ein unbeschreibliches Gefühl der Zärtlichkeit und des Glücks übermannt den
Vater. Gerührt streichelt er seiner schlafenden Tochter noch einmal über den
Kopf. Die Erziehung hat noch Zeit.
Wenige Tage später hockt Seonaid versteckt im Geäst eines Baumes. Ihr Vater
hatte sie auf einen kleinen Jagdausflug in den Wald mit genommen. Jetzt muss sie
traumatisiert beobachten, wie ihr Vater einen Kampf auf Leben und Tod gegen ein
schwarzes Monstrum führt.
Als sie viele Stunden später einige bewaffnete Männer zum Ort des Geschehens
führt, findet sich nur noch zerrissene Kleidung, das geborstene Schwert von
Seonaids Vater und eine große Menge Blut. Was genau passiert, kann das Mädchen
nicht schildern, aber am wahrscheinlichsten ist es, dass die beiden von einem
Bären angegriffen wurden.
…
Ihre weitere Kindheit und Jugend verbringt das Mädchen mit ihrer Mutter bei den
Großeltern. Jahrelang wird sie noch von Albträumen über große Monster und den
Todesschrei des Vaters geplagt.
Der Großvater unterrichtet Seonaid in der Kunst der Bienenhaltung. Doch auch er
stirbt bald und sie kann ihre Ausbildung nicht ganz abschließen.
…
Seonaid ist Anfang zwanzig als die Schreckgestalt ihrer Albträume wieder in ihr
Leben tritt. Das Dorf wird angegriffen und die Bestien, die so grausam unter den
Mahoons wüten und keinen Unterschied machen zwischen Mann und Frau, jung und
alt, lassen in Seonaid alte, verdrängte Bilder auftauchen. Nun hat der Mörder
ihres Vaters einen Namen: Ork.
...
Jetzt, mit Mitte zwanzig, sitzt Seonaid während eines Festes, das zur Feier des
Rituals der Clanaufnahmeabgehalten wird, schmollend vor ihrem Teller. Als neue
Anwärterin auf einen Platz in der Mitte des Clans ist sie den ganzen Tag mit
verschiedenen Aufgaben herumgeschickt worden. Auch wenn sie unbedingt dazu
gehören möchte, fühlt sich Seonaid ausgenutzt und schikaniert. Etwas beleidigt
schnieft sie vor sich hin.